Ein Bohemien, alte U-Bahnen und der 11. September

New York City, USA
23.–26. April 2015

Wir sind nun schon über eine Woche wieder zu Hause – und müssen nachsitzen: Unsere letzten beiden Reiseziele wollen ihren wohlverdienten Platz in diesem Blog! Bisher war einfach keine Zeit zum Schreiben. Bei nur drei Tagen New York City ist selbstverständlich jede Sekunde zu kostbar dazu, auch die darauf folgenden sechs Tage Island waren vollgepackt. Und die erste Woche zu Hause natürlich erst recht. Aber dazu später.

Jetzt: New York! THE CITY!

Darf bei einer Weltreise doch nicht fehlen, oder? Eben.

Nach einem ziemlich langen und komplizierten Inlandsflug von Missoula über Denver und Los Angeles kamen wir morgens früh an. Unsere Unterkunft war in Brooklyn.

Dort fühlten wir uns gleich zu Hause: Sieht das nicht fast aus wie in Offenburg, zum Beispiel gegenüber vom Bahnhof?

brooklynIn dieser Straße wohnten wir – in dem Haus mit der blauen Tür, hinter der blühenden Magnolie.
IMG_8024Wie kamen wie da hin? Meine Schwester in Missoula hat eine Kollegin, deren Exfreund hier wohnt. Daher hatten wir den Kontakt. Es war ein Riesenglück, dass wir bei ihm wohnen konnten – New York ist 1. ganz schön teuer – in Manhattan ist kein vernünftiges Doppelzimmer unter 100 Euro zu kriegen – und 2. muss man sehr früh buchen, um überhaupt noch was zu kriegen. Bei Airbnb, wo wir ja bisher meist gute Erfahrungen gemacht hatten, war vor September kein schönes Zimmer mehr frei. Wir buchten also ein unschönes, winziges mit Twin-Bed (99 cm breit). Erst nach der Buchung stellte sich heraus, dass der Zugang zur Toilette in unserem Zimmer war. Leider nicht nur für uns, sondern für die gesamte WG… Auf unsere Nachfrage reagierte die Vermieterin außerdem reichlich arrogant und kuzr angebunden, nach dem Motto: Take it or leave it!

We left it.

Und waren glücklich, bei Bennett zu landen. Hier schliefen wir zwar auch nur auf einem Ausziehsofa in einem Mini-Durchgangszimmer, aber nur gegen Mithilfe im Haushalt, ein bisschen Einkaufen und eine Einladung zum Essen.

P1120272Das ist kein ganz typisches Bild von Bennett, denn zu Hause trug er am liebsten einen Bademantel. Ganz Bohemien und Ästhet, gab er sich am liebsten dem Genuss und den schönen Künsten hin, schrieb an einer Art Tee-Comic und kochte gern leckere Sachen.

Wenn nicht die lästige Arbeit ihn hin und wieder davon abgehalten hätte. Er ist nämlich eigentlich Handwerker, außerdem sowas wie der Hausmeister für das ganze Haus. Und noch vieles mehr, was wir aber nicht alles verstehen mussten.

Den Garten hinterm Haus hat er natürlich auch selbst gestaltet. Eine echte kleine Oase in der großen Stadt!
IMG_8012Allerdings gab es in diesem Gärtchen aktuell was zu tun: Nämlich einen Baum zu fällen. Da durfte Olaf gleich mit anpacken.

„Mithilfe im Haushalt“ eben.

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Hier fliegt das Sägemehl.

Ansonsten ist dieser Teil von Brooklyn namens Park Slope ein nettes, relativ ruhiges Wohnviertel mit kleinen Geschäften und viel Grün. Und sogar den angeblich besten Bagels von ganz New York direkt um die Ecke.

Die holte ich jeden Morgen auf Geheiß unseres Gastgebers, denn natürlich wollte Bennett uns ein typisches New-York-Frühstück bieten. Das besteht aus Bagels (Hefebrötchen mit Loch zum Durchgucken) mit Frischkäse in etlichen Varianten: pur, mit Weißfisch, mit Thunfisch, mit Ei, mit Gemüse etc. Bevor ich ging, schärfte er mir ein: „Nicht lange zögern, wenn du dran bist! Bestellung wie aus der Pistole geschossen abgeben! Sonst heißt es sofort: Der Nächste, bitte!“ Die New Yorker sind nämich nicht ganz so gemütlich und überfreundlich wie die Leute in Montana. Hier herrscht ein etwas rauerer Ton, und auch das Tempo ist – na ja, Großstadt eben.

Hier also das weltberühmte „Bagel Hole„:

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Drinnen war immer viel los. Bis ich dann dran war, hatte ich ungefähr fünfzigmal vor mich hin gemurmelt: „One with poppy, one with garlic, one with everything, and from the cheese with whitefish and with vegetable please.“

(Eins mit Mohn, eins mit Knoblauch, eins mit allem, und von dem Frischkäse mit Weißfisch und mit Gemüse, bitte.)
BagelInnenBennett unterwegs in der Nachbarschaft.
IMG_8141Vor einem Second-Hand-Laden in Brooklyn: Ein New Yorker Original mit seinem selbst gebauten Fahrrad, auf das er sehr stolz war. Zu Recht. IMG_8149Bennett war wie eine Mutter zu uns. Er hatte etliche Vorschläge und Ideen, wo wie hingehen könnten. Wenn er nicht da war, hinterließ er uns Zettel. Total süß.

IMG_8080Am ersten Tag lieh er uns Fahrräder, mit denen wir zum berühmten Green-Wood-Friedhof fuhren. Das ist einer der ersten ländlichen Friedhöfe Amerikas, wunderschön – und gar nicht weit von Bennetts Zuhause.

Von da aus konnten wir schon mal ein bisschen Skyline sehen. P1120171
So haben wir uns langsam an „Big Apple“ herangetastet.

Am nächsten Tag fuhren wir ein Stück mit der U-Bahn Richtung Manhattan. Die Gänge und Treppen wirken uralt – und sind es zum größten Teil auch. Die New Yorker Subway ist über 100 Jahre alt und damit eine der ältesten der Welt!IMG_8033

Dann gingen wir zu Fuß über die Brooklyn Bridge. Ein toller Tipp meiner Kollegin Dörte Behrmann, die übrigens einen New-York-Blog betreibt. Sehr empfehlenswert für Erst- und Mehrfach-New-York-Reisende!

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Wer über die Brooklyn Bridge geht, nähert sich langsam der Wolkenkratzer-Insel Manhattan. Immer wieder gibt es grandiose Ausblicke auf die Stadt. Wir waren allerdings nicht die einzigen, die diese Idee hatten. IMG_8035Und ja, es war an diesem Tag noch ziemlich frisch.

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P1120187Am Fuße der Brooklyn Bridge entdeckten wir diese Aufkleber – in Sichtweite zu einem Polizeiauto. „Mord durch die Polizei“ ist hier ein großes Thema. Zitat aus einem Zeitungsartikel dazu: „Das Risiko, von einem Polizisten erschossen zu werden, ist für Schwarze, gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil, sehr viel höher als für Weiße.“
IMG_8052Olaf wollte unbedingt ins Metropolitan Museum. Die Lektüre von „Der Distelfink“ (siehe Buchtipp ganz unten in diesem Artikel) hatte sein Interesse an den Alten Meistern geweckt.  Davon gab es hier reichlich. Wir konzentrierten uns auf diesen kleinen Teil des riesigen Museums – und waren dennoch einen halben Tag darin unterwegs. Man könnte Wochen dort verbringen und hätte noch immer nicht alles gesehen. Toll: Der Eintrittspreis, der über dem Ticketschalter steht, ist nur eine Empfehlung. Man kann zahlen, soviel man möchte!

Beides, Buch und Museum, waren Tipps unserer Freundin Inge gewesen, die eine große New-York-Liebhaberin und eine exzellente Buchkennerin ist. Wir jedenfalls mögen ihre Buchtipps fast immer.
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Vor dem Metropolitan Museum sieht es fast aus wie auf einem Jahrmarkt: Ein Stand neben dem anderen.

Richtung Museum waren wir übrigens mit dem Bus gefahren: Von Downtown die 6th Avenue rauf bis zum Central Park, von dort zu Fuß. Eine gute und recht günstige Art, viel von NYC zu sehen.

IMG_8061An der 5th Avenue. Die Hotdog-Verkäufer stehen an jeder Ecke. Ihre Brezeln allerdings schmecken garantiert nicht so wie unsere in Baden. Sie sind irgendwie krachtrocken. Überall auf der Welt werden „German Pretzels“ nachgeahmt, aber nirgends schmecken sie so wie daheim.
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Eine Fahrt mit der (kostenlosen) Fähre nach Staten Island brachte uns der Freiheitsstatue näher. Sie heißt auf Englisch Statue of Liberty – und wird deshalb hier „Libby“ genannt.

libby
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Blick auf Manhattan von der Staten-Island-Ferry aus.
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Unbedingt wollten wir auch zur Gedenkstätte des Anschlags vom 11. September 2001, als Terroristen zwei Flugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Center steuerten und zum Einsturz brachten.

An der Stelle der beiden Wolkenkratzer befinden sich heute zwei viereckige Brunnen mit einem tiefen Loch in der Mitte. Es ist, als seien die Opfer dort hineingefallen. Am Rand der Brunnen sind ihre Namen eingraviert.
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P1120226Selfie im Spiegel des 9/11-Memorial-Museums.
IMG_8106Von hier aus begannen wir einen Spaziergang an der Westseite Manhattans.
Eine Familie beim Baseballspielen im Battery Park.
IMG_8123Blick nach Hoboken.
IMG_8127Irgendwann kommt man auf diesem Wege zur High Line, einer ehemaligen Hochbahntrasse, die zum Park umgebaut wurde. Ein Tipp meiner jüngeren Schwester, die hier auch schon entlangspaziert ist.
IMG_8135Von hier oben gibt es schöne Einblicke in die Straßenschluchten. P1120265

Wolkenkratzer-Impressionen:
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Nach einer so langen Wanderung hatten wir wund gelaufene Füße. Und fanden, uns einen Abend in der ältesten irischen Kneipe New Yorks verdient zu haben: Dem McSorleys, gegründet 1854. Das ist für unsere Begriffe zwar kein Alter für ein Gasthaus – in Deutschland gibt es wesentlich ältere – aber dieses hier ist in NYC Kult. Und alles sieht noch fast so aus wie damals.

Es gibt hier nur zwei Sorten Bier: Ein helles und ein dunkles, beide Hausmarke. Das macht die Entscheidung mal angenehm leicht, wird man doch sonst in Amerika ständig gefragt, welche Variante von irgendwas man gern hätte: Den Kaffee mit Milchschaum, halbfetter Milch oder Vollmilch? Welches Dressing zum Salat: Blue Cheese, Italian, Vinaigrette? Meist gibt es viel mehr als drei Möglichkeiten, und oft fühlten wir uns überfordert.

Jedoch nicht in dieser Bar.

Dafür bekommt, wer hier ein Bier bestellt, zwei Gläser hingestellt – jedes halbvoll. So ist zwar schneller ausgeschenkt, aber es gibt verdammt viel zu spülen.
IMG_8077Insgesamt hat uns New York City richtig gut gefallen. Eine angenehme Stadt, in der wir uns wohlgefühlt und gut zurechtgefunden haben – entgegen mancher Voraussage. So fanden wir das Subway-System nicht komplizierter als in anderen Städten.

Das alles lag sicher an den vielen guten Tipps von Leuten, die schon dort waren, an unserer guten Vorbereitung – und natürlich an unserem Gastgeber Bennett. Er sei gesegnet!
Was man hier nicht tun sollte: Sich grämen, weil man was verpasst. Man verpasst immer was, und zwar nicht wenig. Auch zwei Wochen, ach, was sag ich, fünf Wochen reichen nicht, um New York City wirklich kennenzulernen. Einfach genießen, was geht – und immer wiederkommen.

Worauf wir uns zu Hause freuen: Da sind wir ja nun schon. Und was Freudiges auf uns wartete, erfahrt ihr in einem eigenen Blogbeitrag.

Was man hier gut brauchen kann: Tipps von Leuten, die schon da waren. Eine Adresse, die nicht weit von einer der wichtigen Subway-Linien entfernt ist. Und am besten einen New Yorker wie Bennett an der Seite, der einem seine Stadt zeigt, einen abends mitschleppt nach Soho zum Essen mit Freunden…

Buchtipp: Der Distelfink. Roman von Donna Tartt. Wir haben es beide verschlungen. Großartiger Stil, spannend und dicht erzählte Geschichte um ein Gemälde eines alten niederländischen Meisters. Es gerät in die Hände des 13-Jährigen Ich-Erzählers, der seine Mutter während eines Museumsbesuches durch einen Anschlag verliert. Danke für den Tipp, Inge!
Wo es danach hinging:  nach Island.

3 Kommentare zu “Ein Bohemien, alte U-Bahnen und der 11. September

  1. Liebe Jutta, rate mal, wo wir eine Wohnung in NY gebucht haben ?:-): Park Slope.
    Und der Buchtipp mit dem Distelfink war fei von mir, gell ;-), aber Inge hat mir gleich zugestimmt.
    Noch einmal schlafen …

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    • Oh! Elke! Das hatte ich wohl falsch eingespeichert, sorry! Hiermit nehme ich alles zurück und behaupte das Gegenteil.
      Park Slope ist schön, ich freu mich, dass ihr da auch wohnen werdet.
      Und ich freu mich, wenn wir uns morgen sehen 🙂

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